PROJEKTEHarry Graf Kessler / Tagebuch

Harry Graf Kessler (1868-1937) war als Kunstsammler, Mäzen, Schriftsteller, Publizist und Diplomat ein unbestechlich scharfer Beobachter seiner Zeit. Seine beeindruckend weit verzweigten und über Jahrzehnte gepflegten Kontakte in die vornehmsten Zirkel der europäischen und nordamerikanischen Gesellschaft und zu den neuesten, in Entstehung begriffenen Künstlerkreisen, lassen sein Tagebuchwerk (1880-1937) wie ein Who is Who der politischen wie der Kultur-, Kunstund Literaturgeschichte des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts erscheinen. Seine Eintragungen bilden das von ihm bereits seit jungen Jahren gepflegte Netzwerk an Kontakten eindrucksvoll ab und machen die Tagebücher zu einer einzigartigen Prosopographie (über 15.000 Namensnennungen) und Quelle für unterschiedliche geisteswissenschaftliche Forschungsfelder, die einen besonders bewegten Abschnitt der europäischen Zeit- und Kulturgeschichte untersuchen. Bereits im Jugendalter findet Kessler zu seinem einzigartigen Tagebuchstil von literarischem Wert, der einen detaillierten Zeitkommentar unter weitestgehender Reduktion subjektiver Befindlichkeiten mit einem persönlichen Geschmacksurteil in Bezug auf Kunst und Kultur verbindet.

Der noch zu edierende erste Band der Tagebuchreihe, deren Bände zwei bis neun zwischen 2004 und 2010 erschienen sind, spiegelt im Zeitraum von 1880 bis 1891 die Entwicklung des jungen Kesslers in England, Frankreich und Deutschland von seiner Schulzeit über die Studienjahre wieder. Das zunächst auf Englisch geführte Tagebuch dokumentiert neben der Entwicklung seines Wissens, seiner Belesenheit und seines immensen Netzwerks an Kontakten auch die zunehmende sprachliche und stilistische Sicherheit und macht die Aufzeichnungen zu einer Art Entwicklungsroman im Reportagestil.

Die BSCW-Stiftung fördert die editorischen Arbeiten zur Erstellung des ersten Bandes der Tagebücher am Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Deutsches Literatur Archiv Marbach